Wir wissen, wie wir lange währende Erinnerungen erzeugen können.
Aber was machen wir anschließend mit ihnen?
Wir erschaffen Gedächtnispaläste und unterschiedlichste Landkarten.
Es handelt sich hier um alte Techniken, die jeder Erinnerung ihren eigenen Platz zuweisen: sie kombinieren räumliche und visuelle Systeme mit dem Ziel, abstraktere Informationen zu erlernen und so Dinge und Fakten des Lebens im Gedächtnis zu behalten, und um dann diese Bilder in ihre ursprüngliche Bedeutung zurück zu übersetzen.
Gedächtnispaläste sind angeblich auf den griechischen Denker Simonides zurückzuführen. Nach diesen frühen mnemotechnischen Methoden entwickelten Reisende und Forscher später weitere „Tricks“, um Beschreibungen und Einzelheiten zu erinnern und wieder ins Gedächtnis zu rufen.
Frances Yates beschreibt eine ganze Reihe von ihnen in seinem „Theater of memory“, einer Essaysammlung aus der Renaissance. Ihm folgte Jonathan Spencers Bericht über den China-Aufenthalt des italienischen Jesuiten Matteo Ricci.
Als der Historiker Tony Judt 2010 tief in einer amyotrophen Lateralsklerose steckte, rekonstruierte er in Anlehnung an Ricci sein Leben und seine Ideen mithilfe eines mnemomischen Schalters und einer Speichervorrichtung: seinem „Gedächtnis-Chalet“.
Die Bilder und Objekte von Cristina Barroso erinnern mich an die Objekte und Landkarten, die von Denkern der frühen Neuzeit, mittelalterlichen Reisenden und zeitgenössische Gedächtnismeister wie Tony Judt benutzt wurden.
In vergleichbarer Weise erfindet Cristina Barroso ihre narrativen Elemente, indem sie Daten und Fakten in Fiktion verwandelt. Sie tut dies offenbar, um die Komplexität ihrer eigenen Welt besser zu verstehen, in der sich die südliche und nördliche Hemisphäre - sowohl familiär wie in ihrer Arbeit - durchdringen. Sie liebt es, lange Listen zu erstellen, in die sie ihre Erfahrungen als Frau und Künstlerin in Form visueller Abstraktionen einträgt.
Sehr häufig nehmen ihre Ideen dabei die Form von Landkarten, Globen und wissenschaftlichen Modellen an oder erinnern an die Alchemie eines Athanasius Kirchners, an die farbintensiven geopolitischen Karten von Alighiero e Boetti, aber auch an Spielbretter und pharmazeutische Formeln.
Barroso kartographiert und reproduziert ihr Leben mithilfe von invertierten autobiographischen Materialien oder intimen Notizen, die alle von Ordnung und Unordnung Zeugnis ablegen. Dergestalt ist Cristina ständig dabei, ihre Erinnerungen zu ordnen und umzuordnen und dabei ihr eigenes Sein zu verorten. Marcel Proust schrieb hierzu: „Die Erinnerung an vergangene Dinge ist nicht notwendigerweise die Erinnerung an die Dinge, wie sie wirklich waren“.Die Aufmerksamkeit kann gesteuert werden, nicht aber das Gedächtnis: das ist der Grund, warum Cristina Barroso hier zur Kunst greift.
Chris Dercon, London 26. Februar 2012