Cees Nooteboom "Kartographie"
für Cristina Barroso


I

Nur der Vogel sieht , was ich sehe,
die ungangbaren Wege meiner Hand,
Schönheit aus Asche uns Gold,
den unberechenbaren Zufall
der nur einmal gezeichneten Welt,
einen Gedanken aus Staub, Gemälde
ohne Maler,
mein geheimes Weltall.

Ozeane, Steppen, Vulkane, das Summen
ihrer Namen aus immer neueren Mündern.
Meine schaffende Hand folgt ihren Formen:
Ader, Enge, Hang, Kluft,
den verdeckten Linien von Flussbett und Erz,
Tagebuch von Sumpf, Wüste, Meeresspiegel,
dem, was ich bin.


II

Eiszeit, Sternzeit,
meine Vergangenheit lebt in verriegelten Bildern,
mit Feuer und Wasser beschworen,
Grundbuch aus sand und aus Harz.

So zeige ich mich,
so versteck ich mich
in ablesbaren Höhen und Tiefen,
den Schichten der Farben,
mein Atlas ist voll wie die Erde.


III

Maß, sagt das Buch der Karten,
Kartensollmaß,
Kartenistmaß.
Wem soll´s?
Wem ist´s?

Das Flugzeug über der Strandlinie,
Schatten phönizischer Segel,
Sternbild, Bleilot, Zirkel, Tinte,
das träge Blatt des Strabo,
der Bug von Äneas, Odysseus,
oder wie das Meer zu Papier wird,
die Wellen zu Wörtern,
die heroische Mühsal des Schrumpfens
nach der Kunst von Meter und Maß.


IV

Das innere Schauspiel
legt Fragen auf Fragen.
Waren die Hunde auf der Landzunge sichtbar?
Der Tod der Fliegen, das Gift in den Blumen,
die Spuren des Fiendes,
der Landvermesser im Wirtshaus?
Wer folgte dem Zug mit den künftigen Toten
und zählte, wie langsam der Weg war?
Das Schicksal ist nicht auf Karten gezeichnet.
Das Schicksal ist unsres.

Gradnetz, Schaffierung, Maßstab, der Zwang
der Koordinaten, Zauberwörter
für die Welt als Ding.
Ich aber geh mit der lebendigen Erde
von Flüssen und Watten, Buchten und Werdern,
die ich schreibend mir einverleibe.
Was ich wiederhole, bekommt mein Gepräge;
eine Karte, aus Seele
gemalt.