MONOGRAPH

»CRISTINA BARROSO
... eine Karte aus Seele gemalt« von Michel Nungesser

Die Titel ihrer Einzelpräsentationen sprechen für sich: "Ortswechsel", "Secret Mapping", "Novas Terras", "Maps to Somewhere Else", "Map to Nowhere", "Welten", "Locating", "Urban Network", "Quest for the Universe" und zuletzt "Beyond tomorrow-claiming: Landscapes of uncertainties". Es geht um Bewegung und Reisen, um Städte und Länder, Kontinente und Kosmen, Karten und Pläne, um Neues und Unbekanntes, um Erforschen und Sich-Orientieren. Cristina Barroso ist Künstlerin und an vielen Orten zuhause. Sie lebt den ständigen Wandel und lässt ihn für ihre Kunst fruchtbar werden. Geboren wurde sie 1958 in São Paulo – Millionenmetropole in Südamerika, multikulturell geprägt, industrieller und wirtschaftlicher Motor eines Landes – Brasilien –, das kontinentale Ausmaße hat. Doch Barroso hat als Kind der Mittelschicht, geschützt durch Mauern als Zeichen sozialer Segregation, die Stadt nur schemenhaft erlebt. So wollte sie, als die Eltern fortzogen, nur noch "weg von zu Hause", wie sie sich erinnerti. Eine erste Rückkehr als  Internatsschülerin scheiterte. Erst nach einem Jahr Aufenthalt beim Onkel in Chicago zum Englischlernen kehrte sie mit 19 Jahren zurück, um nun am Leben 'ihrer' Stadt teilzunehmen.


1978 studierte Barroso Philosophie und Geschichte an die Southern Illinois University in Carbondale, 1980 bis 1983 Malerei am San Francisco Art Institute. Sie arbeitete als Korrektorin bei Lapis Press, einem Verlag, der Sam Francis gehörte. Beeindruckt war sie u.a. vom Werk Philip Gustons, Robert Rauschenbergs und Jasper Johns'. In den 1980er Jahren verfügte sie über Ateliers in San Francisco, São Paulo, Mailand und Berlin. 1992 bis 1994 erhielt sie das Atelierstipendium Helmut Baumann in Göppingen und zog nach Stuttgart. Zahlreiche Aufenthalte als Gastkünstlerin und Teilnahme an Workshops folgten: 1997 bis 2000 Aktionsforum Praterinsel in München, 1999 Center of the Arts in Jerusalem, 1999-2000 Villa Waldberta in Feldafing, 2013 Marma Art Projects in Berlin und Haus der bayerischen Landwirtschaft in Herrsching am Ammersee. Provinz und Metropole, Zentrum und Peripherie wechseln sich ab – doch welche Bedeutung haben solche Unterscheidungen noch in Zeiten ständigen Austauschs und fließender Datenströme?


Doch Cristina Barroso durchlebt reale Ortswechsel, keine virtuellen, angetrieben von der Neugierde, die wohl viele der "Sampas" auszeichnet, wie man die Bewohner von São Paulo nennt, einer Einwandererstadt par excellence. Barroso findet nach Studium in den USA und einem längeren Italienaufenthalt, wo ihr Arte Povera, die Transavanguardia oder Arte Cifra und besonders die Malerin Dadamaino (1930-2004) nachhaltige Eindrücke hinterlassen haben, erste Resonanz in West-Berlin. Dort herrschte Ende der 1980er Jahre ein großes Interesse an Kunst aus Brasilien, getragen u.a. von Barrosos damaligem Galeristen Rudolf Schoen, dem Interessenverband Berliner Kunsthändler und über mehrere Jahre von der Staatlichen Kunsthalle Berlin – maßgeblich unterstützt von der Deutsch-Brasilianischen Kulturellen Vereinigung.ii


Schon früh entscheidet sich Cristina Barroso für eine Malerei, die nicht nur auf der leeren Leinwand stattfindet und von der Spur des Pinsels getragen wird, sondern sie nutzt immer wieder wechselnde Bildträger, zum Beispiel Einladungskarten von Ausstellungen (als vergrößerte Lichtstrahldrucke), Fahrscheine und besonders Land- und Himmelskarten aller Art, und überträgt mit eingefärbten Schablonen und vor allem Kunststofffolien durch Applizieren die Farben auf die Leinwand, um bestimmte Konturen, Raster und Raum suggerierende Schichtungen zu erreichen, teilweise auch durch Hinzufügung von Sand, Salz, Schellack, Asphalt oder Wachs. Dieses objektivierende Verfahren wird zum Gestaltungsprinzip, in dem Planung und Zufall, rationale Überlegung und emotionaler Zugriff sich die Waage halten.


Um 1990 zeichnet sich ihre Malerei (meist Acryl oder Mischtechnik auf Leinwand) vor allem durch abstrakte, aber lebendig strukturierte Farbhintergründe aus, vor denen umrisshaft Gegenstände und Zeichen auftauchen: archaische und alltägliche, geometrische und architektonische: Leitern, Pyramiden, Kreis- und Ovalformen, Gefäße aller Art, aber auch Vegetabiles. Diese offene, malerisch begründete Symbolik erhält in den übermalten Vernissagekarten durch sichtbare gebliebene Text- und Bildfragmente weitere assoziative Spannungselemente. Mit der Zeit gerät für Barroso die Auseinandersetzung mit menschlichen Ordnungssystemen ins Zentrum ihres Schaffens. Sie finden ihren Ausdruck in Zahlen, geometrischen Körpern, Rastern, Netzwerken und Markierungen aller Art, wie sie vor allem für die Kartographie gültig sind. Wer viel reist, wer unterwegs ist, zwischen den Kulturen lebt, weiß um die Faszination von Karten und Atlanten, von Stadtplänen und Globen, die Versuche darstellen, Koordinatensysteme für unsere Existenz in Raum und Zeit zu konstruieren, die nie exakt mit der Wirklichkeit übereinstimmen und immer auch Machtanspruch und Beherrschung signalisieren.iii


Frühe Beispiele für die Verwendung von Zeichen, die terrestrische, aber auch planetarische Territorien andeuten, sind Bilder wie "Network" und "Satellites", beide von 1992. Häufig setzt Barroso Sternbilder über die Pläne von Städten, zum Beispiel in "München" (1998), oder kombiniert Kartenstrukturen mit denen von Magnetfeldern oder Fingerabdrücken. Diese Verbindung realisierte sie auch in zwei Kunst-am-Bau-Arbeiten, 1997 und 1998. Sie malte für das Bayerische Landesvermessungsamt München die fünfteilige Arbeit "Magnetfelder", im Treppenhaus über fünf Stockwerke verteilt aufgehängt. Ihr zweites, vierteiliges Werk für das Foyer des Polizeipräsidiums Neuperlach-Süd, ebenfalls München, mit dem Obertitel "Schaltzentrale" zeigt über die über Karten von vier Münchener Stadtteilen gemalten Bilder "Gehirn", "Baum", Fingerabdruck" und "Netz". An Stelle von Karten treten auch Luftbilder von großen Städten, meist das heimatliche São Paulo, die wie sich endlos ausbreitende architektonische Gebirge aufragen, und durch Überlagerung von anderen Strukturen, so in "Constructed City" (2001) und "Urbanes Licht" (2003), konterkariert werden.


Mit Zahlen und Karten als wesentlichen Bildelementen steht Barroso in einer breiten Tradition zeitgenössischer Kunst. So war sie an der Stuttgarter Ausstellung "Magie der Zahl"iv von 1996 beteiligt, die die große Bedeutung der Sprache der Ziffern als  Universalsprache für die Kunst seit Beginn der Moderne und vor allem in Zeiten der Digitalisierung und Globalisierung aufzeigte. Diese sind es auch, die Karten ins Spiel bringen: "In postmodern times, with all truths suspect, artists have found in cartography a rich vein of concepts and imaginery to mine."v So schreibt die auf US-amerikanische Kunst konzentrierte Autorin in ihrem Buch "The map as art"; sie lässt ihre "Timeline" bei Salvador Dalí und den Surrealisten einsetzen, aber erst im Heute wird sie wirklich fündig. "Map-making as a whole ist enhanced as each artist makes a mark on a bigger map, calling out, I AM HERE."vi Auch Barroso versucht, ihre eigene Identität zu finden, ihren Standort in dieser Welt zu erkunden, in der der einzelne Mensch sich oft verloren fühlt: "Wenn ich eine Straßenkarte neben eine Sternenkarte lege, wird mir die Dimension unseres Planeten bewusst. Das erdet mich und lässt mich auch die Spanne meines Lebens  in einem neuen Licht sehen."vii


Vermessung treibt Wissenschaft voran, basiert auf Zahlen, auf Tabellen, Gleichungen, Zählungen und Nummerierungen, produziert abstrakte Ordnungen und schematische Bilder. Kartographie dient Naturbeherrschung und Grenzziehung, blickt von oben, ebnet ein. Karten setzen Maßstäbe, sind zugleich zeit- und interessegebunden, veralten schnell, werden Geschichte, zeugen von Geschichte. Doch sie funktionieren nicht nur, sie weisen auch eine eigene Ästhetik auf und erregen die Phantasie. Hier setzt Cristina Barroso ein und betreibt ihre eigene Topographie, eine künstlerische, emotionale, persönliche, wie es der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom, mit dem Barroso seit vielen Jahren befreundet ist, einfühlsam in einem der Künstlerin gewidmeten Gedicht formuliert hat:

»Gradnetz, Schraffierung, Maßstab, der Zwang

der Koordinaten, Zauberwörter

für die Welt als Ding.

Ich aber geh mit der lebendigen Erde

von Flüssen und Watten, Buchten und Werdern,

die ich schreibend mir einverleibe.

Was ich wiederhole, bekommt mein Gepräge:

eine Karte, aus Seele

gemalt.« viii


Die Karten, die Cristina Barroso bearbeitet, beziehen sich auf Orte, die sie kennt, die Teil ihres Lebens waren (auch Post- oder Fahr-Karten sind Relikte gelebten Lebens). Sie übermalt sie, so dass Straßen, Flüsse, Städte oder Flughäfen (wie im gleichnamigen Gemälde von 2014) in den Hintergrund treten, nur noch fragmentarisch erscheinen, zu poetischen Zeichen werden und mit anderen Bildelementen in Beziehung treten. Auch wenn der Bildträger noch als schulische Wandkarte erkennbar ist, wie in "Brasil Global" (2015), entsteht durch Neukartierung eine fast tänzerisch anmutende, künstlerische Kontinentalverschiebung. Genaue Konturen und Wegvorgaben werden in Barroso Bildern aufgeweicht, Namen unleserlich, Grenzen verwischen sich oder erhalten, z.B. in "Country" (2008), vom Fingerabdruck ausgehend,  fiktionalen Charakter, bilden ein erträumtes, ein Wunschland. Oft dominieren leuchtende Farben, etwa in "Flughäfen" und "From Here to There" (beide 2015), als Ausdruck intensiver Gefühle. Es entsteht ein künstlerischer Resonanzraum, der eindimensionalen, scheinbar objektiven Sichtweisen erfahrungsgesättigte, subjektive entgegensetzt – nicht Ausfluss bloßer Mobilität, sondern Verausgabung vitaler Energien durch Aus-Malen und Ver-Malen, ein Über-Setzen ins Medium der Kunst.


Barroso ist schon in den 1990er Jahren mit Land-, Wasser- und Himmelswürfeln aus Karton ins Dreidimensionale übergegangen, in jüngster Zeit gestaltet sie heutige Megastädte als Collage von Luftaufnahmen auf Styroporbällen ("Cities", "Cidades", beide 2011), die, ähnlich chemischen Modellen, urbane Verbindungen aufzeigen. Oder sie formt  aus bemalten und collagierten Bändern und Kabeln Gebilde (z.B. die Serie "Roads to Everywhere"), die eher wie Karikaturen von Modellen aussehen – Chaosprodukte, der unverdauten Schnellfraß überschüssiger, permanenter Vernetzung. Auch Ton spielt eine Rolle, so in "Zeitzeichen" (2015) mit Lautsprechern auf einem Globus, der die Gleichzeitigkeit von Ereignissen symbolisiert und eine stets wandelnde Raum-Zeit-Struktur suggeriert. "Zeitzeichen II", wie ein Spinnennetz aufgespannte, blau übermalte Zeitungsfotos und Fotos früherer Begegnungen zwischen Cristina Barroso und Ben Patterson ist eine Hommage an diesen, aber auch eine Hommage an Fluxus, von dem Barroso einige Elemente, das Spielerische und Spontane, Kulturübergreifende und Grenzüberschreitende, in ihr Werk mit hat einfließen lassen.

 

[i] Cf. Ronald Grätz (ed), Minhasp. Mein São Paulo / Minha São Paulo / My São Paulo, Stuttgart: Edition Esefeld & Traub, 2013, p. 261.

[ii] Cf. Exhibition catalogue from Brasil Art. Berliner Galerien zeigen brasilianische Kunst, Berlin: Deutsch-Brasilianische Kulturelle Vereinigung 1990; exhibition catalogue José Roberto Aguilar - Cristina Barroso - Rubens Oestroem, Galerie Rudolf Schoen, Berlin, 1990.          

[iii] Regarding the siginificance of this theme cf. in particular the article by Karin Stempel, “Von der Strenge der Wissenschaft und über die Kunst der Kartographie”, in exhibition catalogue. Cristina Barroso, Wechmar: Kunstverlag Gotha, 1994, pp. 29-33.

[iv] Cf. show catalogue. Karin von Maur ed.), Magie der Zahl in der Kunst des 20. Jahrhunderts, Ostfildern-Ruit: Hatje Verlag, 1996, p. 122.             

[v] Katherine Harmon, The Map as Art. Contemporary Artists Explore Cartography, New York: Princeton Architectural Press, 2008, p. 9.

[vi] Ibid, p. 16.

[vii] Quoted from Monika Unkelbach, “Die Nomadin. Die brasilianische Künstlerin Cristina Barroso”, in: Interkultur Stuttgart, October 2015, p. 20.

[viii] Cees Nooteboom, “Kartographie”, in: exhibition catalogue Cristina Barros. Koordinatennullpunkt, [Wechmar: Kunstverlag Gotha 1996, p. 5-8, here p. 8.