Cees Nooteboom "Terra Incognita"
für Cristina Barroso

Manchmal sieht man das, die zehn- oder hunderttausendfach vergrößerte Welt von etwas atemberaubend Kleinem, das Auge eines unvorstellbaren Insekts,
einen Querschnitt des winzigen Blattes einer tropischen Wasserpflanze, Dinge, die unser beschränktes Auge nicht in ihrer wirklichen Größe sehen kann, ein plötzlicher Einblick in die verborgene Wirklichkeit, die uns umgibt, ein Bild orgiastischer Farben in so nie gesehenen Kombinationen, Strukturen von verblüffender mathematischer Ordnung, wieder aufgelöst von beängstigenden Eruptionen chaotischer Formen, Bilder, die unsere Ahnung bestätigen, dass die Wirklichkeit, die wir sehen, nur ein Teil der Wirklichkeit ist, die existiert und die wir nie kennen werden. Sie ist real, diese Welt, aber unsere Dimensionen stimmen nicht, uns fehlt der Zugang zu ihr, weil wir zu groß sind, nur mit Hilfsmitteln können wir uns dem annähern, was wir ahnen, so wie wir uns auch nur mit Hilfsmitteln dem annähern können, für das wir zu klein sind, Feuerregen in Millionen Jahre alten Sternsystemen, der Geburt von Monden und dramatischen Explosionen in den fernen Regionen des Universums. Immer sind wir zu groß oder zu klein, zu früh oder zu spät, immer hapert es mit unserem Maß und unseren Möglichkeiten, wir sind Fremde in unserem eigenen Kosmos, beharrliche Jäger der Vision, die uns stets ausweicht, zugänglich scheint, es aber nicht ist, eine verbotene Welt, von der wir viel wissen, der wir angehören, aber an der wir nicht teilhaben können.

Am meisten gleichen solche Bilder noch abstrakter Kunst, aber das ist es ja gerade: an ihnen ist nichts abstrakt. Ein tausendfach vergrößertes Foto einer
Krebszelle sieht aus wie das phantastische Bild eines unbekannten Künstlers, aber es ist kein Künstler, der das Bild gemalt hat, es ist das Leben selbst in einer seiner unangenehmsten Gestalten, das uns ein fatales Bild von großer Schönheit und Bedrohung liefert. Schönheit ist freilich eine Kategorie unseres Geistes, und Bedrohung ist etwas Reales. So ein Bild ist also keine Kunst im buchstäblichen Sinn, denn das Leben schafft keine Kunst. Das macht nur der Künstler, der Zugang zu einer Welt hat, in die kein Mikroskop oder Teleskop gelangen kann: die Welt seiner oder ihrer Vorstellungskraft, in der die rätselhaften Gesetze der Phantasie herrschen und mit äußerster Konzentration nach innen geschaut wird in einen Kosmos, den niemand anders sehen kann, mit keinen anderen Instrumenten als Instinkt und Intuition, die warnen, wenn eine Grenze überschritten wird, das Bild implodiert und nicht mehr gültig ist.

Das ist das, was ich mit rätselhaften Gesetzen meine: Wie weiß ein Künstler, dass das Bild, das er von etwas schafft, das nicht real existiert, stimmt oder nicht stimmt? Wo ist das sichtbar, was er abgebildet hat? Wenn die Antwort darauf „nirgends“ lautet, wo ist das dann? Wenn wir das Wort Seele vermeiden wollen, sollen wir dann sagen, an einem für andere unzugänglichen Platz im Gehirn, vielleicht dort? Und wenn wir das wissen, wo kommt es dann her? Und wenn wir das wissen könnten, nützt uns das etwas? Wie konnte jemand sehen, was nicht vorhanden war und was noch immer nirgendwo anders zu sehen ist als auf dem Bild, das er geschaffen hat? Und wie hat er das dann malen können?

Die Bilder von Cristina Barroso sind unschuldig und raffiniert, sie sind einfach und komplex, offen und geheimnisvoll. Sie hat ein Land besucht, das gleichzeitig weit entfernt ist und nah und zu dem wir keinen Zugang haben, bis sie ihn uns gewährt. Dorthin unternimmt sie lange, äußerst anstrengende Touren, kommt von diesen Abenteuern mit ungeahnten Bildern zurück und zeigt sie uns. Darum glauben wir, dass es normal ist, was wir hier zu sehen bekommen. Aber davon ist nicht die Rede, ebenso wenig wie es normal ist, dass wir ohne weiteres in diese innere Welt hinein dürfen. Eine gewisse Scheu wäre angebracht. Wir glauben, es sei unser gutes Recht, oder? Das hier ist doch eine Galerie? Wir kennen uns doch aus mit den Konventionen? Man ist eingeladen, und man geht hinein. Und doch stimmt hier etwas nicht. Eigentlich müsste es einen Grenzposten geben, wenn man das Territorium der intimsten Phantasie eines Menschen betritt, wenn die Künstlerin die innere Konstruktion ihrer eigenen verborgenen Welt zeigt, ein bis dahin geheimes Gebiet noch nicht decodierter Träume, Landschaften, Formen, die hinter scheinbarer Leichtigkeit eine andere Dimension verbergen, die nicht so leicht zu erfassen ist, ein fließendes, magnetisches Terrain von Linien, Verwerfungen, Gleichmaß, das sich über wirbelndes Chaos spannt, Linien eines allmählichen Überganges, die ihre eigenen Regeln bilden, Eruptionen und Ergüssen von Farben, die ihre Balance einer Macht verdanken, deren Existenz uns unbekannt war.

Und überhaupt: Nichts ist selbstverständlich. Es ist nicht selbstverständlich, dass man eine Person zwanzig Jahre lang kennt, die lacht und fröhlich ist, mit der man sich über ihren Sohn unterhält oder über Sao Paolo oder über die Fazenda ihres Vaters im Landesinneren von Brasilien. Es ist nicht selbstverständlich, dass das dieselbe Frau ist, die die Bilder gemalt hat, die hier hängen. Das ist nicht selbstverständlich, weil es geheimnisvoll ist. Gute Kunst ist geheimnisvoll und gibt Rätsel auf, denen man sich mit Worten nur annähern kann. Mit Worten und mit Augen. Und dann am besten ganz nah, damit das Rätsel größer wird.


Cees Nooteboom, Missen, 15.2.2012